Quartiersentwicklung Slubicer Straße, Frankfurt (Oder)

Zweiphasiges städtebaulich-freiraumplanerisches Gutachterverfahren, 1. Preis

GRUNDSÄTZLICHE ENTWURFSIDEE

Der Entwurf versteht das Areal an der Slubicer Straße als ein belebtes, flexibles und nachhaltiges Scharnier der Doppelstadt. Ausgehend von der historischen und gegenwärtigen Bedeutung der Stadtachsen entwickelt er eine robuste Struktur, die den Stadtraum ordnet, öffnet und verbindet. Lineare Systeme wie die Karl-Marx-Straße, Oderpromenade und der Lennépark (Nord-Süd) sowie die Slubicer, Collegien- und Kleine Oderstraße (Ost-West) werden aufgegriffen, miteinander verknüpft und in ihrer Lesbarkeit gestärkt. Bestehende städtische Motive wie die großzügig dimensionierten, geschützten grünen Innenhöfe werden bewusst aufgegriffen und weitergebaut.

Durch gezielte Knicke der Gebäudekanten entstehen Richtungswechsel mit räumlicher Wirkung, die die Übergänge zwischen den Teilräumen aktivieren und die Verbindung der Doppelstadt räumlich ablesbar machen. Die Räume zwischen den Bausteinen werden über eine Sequenz öffentlicher Plätze und Höfe differenziert. Zwei Hochpunkte markieren die Schnittpunkte der Hauptachsen und verleihen dem Ort Identität und Strahlkraft. Insgesamt wird das neue Quartier als Ensemble unterschiedlicher, aber aufeinander bezogener Stadtbausteine lesbar, die Räume verbinden und differenzierte Qualitäten betonen.


STADTSTRUKTUR UND -BAUSTEINE

Die städtebauliche Figur entsteht aus der Vervollständigung offener Blockränder entlang historischer Linien mit L-förmigen Bausteinen und Bezug auf die Umgebungskörnung. Dadurch werden Straßenräume klar definiert und zentrale Achsen—heute wie historisch—gestärkt. Der Entwurf greift die Sanierungsziele der Stärkung der Nord-Süd-Achse zwischen Marien- und Friedenskirche sowie der Ost-West-Achse der Slubicer Straße direkt auf. Zwischen den Bausteinen entstehen klar gefasste, unterschiedlich programmierte Stadträume. Die Ausbildung markanter Raumkanten sorgt für Orientierung und stärkt die Adressbildung an der stark frequentierten Bundesstraße.

Gezielte Knicke in der Gebäudestruktur der straßenbegleitenden Multi-Hubs vermitteln zwischen den verschiedenen städtebaulichen Richtungen, betonen bestehende Fußgängerströme und bilden eine Platzsequenz mit starker Adressbildung. Strategisch platzierte Überhänge greifen das Arkadenmotiv der Umgebung auf. Die Sockelgeschosse bieten robuste Gebäudetiefen für vielfältige Programme und langfristige Umnutzungen. Sie nehmen technische Infrastrukturen auf, dienen als Parkgarage und bieten Angebote der Nahversorgung. Die auf die Geländetopografie reagierenden, in Split-Level konzipierten Sockel ermöglichen eine horizontale wie vertikale Umnutzung. Innenliegende Lichthöfe und eine ebenerdige Erschließung von den Innenhöfen sind mitgedacht.

Zwei asymmetrisch gesetzte Hochpunkte entstehen an den Schnittpunkten der wichtigen Stadtachsen und den platzartigen Aufweitungen. Als Landmarken mit stadtbildprägender Strahlkraft bilden sie eine einladende Geste und visuelle Beziehung über die Slubicer Straße hinweg. Sie ergänzen das bestehende System städtischer Hochpunkte, ohne die Symbolik eines „Stadttors“ zu bemühen. Durch die den Straßenverlauf antizipierende Drehung orientieren sich die Hochpunkte von Nah und Fern. Die Friedenskirche bleibt sichtbar und wird spannungsvoll in Beziehung gesetzt. Die Höhe von max. 65 Metern (bzw. 60 Metern Oberkante Fertigfußboden oberstes Geschoss) resultiert aus einer städtebaulichen und bauökonomischen Abwägung. Städtebaulich überragen die beiden neuen Türme das bestehenden Punkthochhaus mit Wohnnutzung um ca. 15 Meter, bleiben jedoch ca. 24 Meter unter dem Oderturm. Die Regelgeschosse sind unter Berücksichtigung von Brandschutzanforderungen auch etagenweise effizient vermietbar.

Bestehende Wohnbauten werden nicht ersetzt, sondern saniert und durch vorgelagerte Laubengänge ergänzt. Diese ermöglichen eine barrierefreie Erschließung, zusätzliche Freisitze und eine Hinwendung zur Oderseite. Für den östlichen Hochpunkt wird ein kleiner Teil der bestehenden Wohnbebauung langfristig ersetzt, hochwertiger Ausweichwohnraum kann im selben Innenhof bereitgestellt werden.


NUTZUNGSKONZEPT UND PROGRAMMATISCHE SETZUNGEN

Der Entwurf sieht eine lebendige Mischnutzung vor, die Arbeiten, Wohnen, Alltag und Transit zusammendenkt. Ein binationales Gründerzentrum im südwestlichen Hochpunkt mit flexiblen Arbeitsflächen steht für die europäische Doppelstadt und fördert die grenzübergreifende Ansiedlung innovativer Unternehmen.

Die Erdgeschosszonen der beiden Multi-Hubs entlang der Slubicer Straße (Oder-Hub im Norden und Innenstadt-Hub im Süden) nehmen Nahversorgung, Gastronomie und kleinteiliges Gewerbe auf (z. B. Cafés, Supermarkt, Apotheke, Drogerie, Bäckerei). Diese Angebote sind aktuell unterrepräsentiert und besitzen Synergien zum Transitverkehr. Die Sockelgeschosse fungieren als robuste Funktionsinfrastruktur für Parken, Logistik und gegebenenfalls den Zoll. Die Obergeschosse sind strukturell offen für Büros, produktive Nutzungen oder perspektivisch auch Wohnen.

In den ruhigeren Blockinnenseiten ist Wohnen vorgesehen, ergänzt um gemeinschaftlich genutzte Höfe. Die Erdgeschosse der rückwärtigen Neubauten können gemeinwohlorientierte Nutzungen aufnehmen (z. B. Gemeinschaftsräume, Radwerkstätten, Nachbarschaftsküchen). Auch die Sockel der beiden Hochpunkte bieten Raum für lokal verankerte Kulturformate.Der ufernahe Hochpunkt kombiniert Hotel, hochwertige Wohnangebote und gastronomische Nutzung im Erd- und Dachgeschoss.

Landschaftsarchitektur: bauforum Berlin
Architektur: Office ParkScheerbarth
Zeitraum: März – Juli 2025